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Von der Fruchtbarkeit des sterbenden Weizenkorns

Fronleichnam 2016 in St. Petersburg

1. Bei strahlendem Sonnenschein fand am Fronleichnamssonntag (29. Mai 2016) die Prozession durch die Innenstadt von St. Petersburg statt. Nach der Bischofsmesse in der Kirche der Gottesmutter von Lourdes, die als einzige von sechs katholischen Pfarrkirchen der Stadt im Kommunismus geöffnet bleiben durfte, zog sich ein eindrucksvoller Zug von 600 Gläubigen etwa 2 Stunden lang durch das Zentrum, betend und singend, mitten durch den Verkehr und die Menschenmassen, ein bewegendes Glaubenszeugnis! An vier Stationen hielt die Prozession an, die Menschen knieten auf Straßen und Bürgersteigen, und der Herr aller Zeiten und Welten segnete Sein Eigentum, das IHN nicht aufnehmen wollte und Seine Zeugen umbrachte. Niemand aus der gläubigen Prozession, der die schwere Zeit der Christenverfolgung noch kannte, hätte damals zu träumen gewagt, dass er einmal Zeuge und Teilnehmer an einem Wunder sein würde.

Kein Volk hat im Laufe der Geschichte so viel für Christus gelitten wie das russische – die Angaben sprechen von etwa 600 Bischöfen, 40.000 Priestern, 120.000 Mönchen und Millionen von Gläubigen, die für ihren Glauben ihr Leben hingegeben haben. Es gibt viele eindrucksvolle Zeugnisse, Briefe und Predigten, die ermutigen, ohne Hass und Groll das Leben als Opfer hinzugeben, denn nur so kann die Lebenshingabe mit dem Opfer Christi am Kreuz verbunden werden und Heil, Auferstehung und Frucht für Zeit und Ewigkeit bringen. Warum sollte Gott dieses Opfer nicht annehmen?! Für alle Zeiten gilt die Erfahrung der ersten Christenverfolgung: Das Blut der Märtyrer ist der Same für neue Christen.

Es bleibt rätselhaft, warum gerade im damaligen tiefgläubigen „Heiligen Rußland“ der Widersacher Gottes, der Teufel, eine solche, alles zerstörende Verwüstung entfalten konnte. Manche sind der Ansicht, dass die Geschehnisse in Rußland für die übrige Welt ein Vorspiel waren, ein Aufflackern der Apokalypse, eine Lektion Gottes, ein warnendes Beispiel für das, was allen und überall passieren wird, wenn man Gott beiseiteschiebt und der Mensch sich selbstherrlich an die Stelle Gottes setzt.
Es fällt nicht schwer, in diesem Zusammenhang die Worte der rumänischen Ärztin Dr. Anca-Maria Cernea (Präsidentin der Vereinigung katholischer Ärzte Bukarests) zu verstehen: Unsere Liebe Frau von Fatima hat gesagt, dass die Verirrungen Rußlands auf der ganzen Welt verbreitet würden. Unter dem klassischen Marxismus geschah dies auf gewalttätige Weise, durch das Töten von zig Millionen. Heute geschieht es in erster Linie durch den Kultur-marxismus. Es gibt eine Kontinuität von Lenins sexueller Revolution, über Gramsci und die Frankfurter Schule, bis zur heutigen Schwulenrechts- und Gender-Ideologie. Der klassische Marxismus zielte darauf ab, durch gewaltsame Enteignung die Gesellschaft neu zu gestalten.

Die heutige Revolution geht tiefer; sie zielt darauf ab, Familie, geschlechtliche Identität und menschliche Natur neu zu definieren. Diese Ideologie bezeichnet sich als progressiv. Aber sie ist nichts anderes als das uralte Angebot der Schlange an den Menschen, die Kontrolle zu übernehmen, Gott zu ersetzen, die Erlösung schon hier in dieser Welt zu bewerkstelligen. Es handelt sich um einen religiösen Abweg: die Gnosis. Die Lösung ist: Evangelisierung, Bekehrung. Nicht eine immer größere Kontrolle durch die Regierung. Nicht eine Welt-regierung. Diese sind heutzutage die wichtigsten Mittel, um unseren Nationen den Kultur-marxismus aufzuzwingen, unter den Formen der Geburtenkontrolle, der reproduktiven Gesundheit, der Schwulenrechte, Gender-Bildung, und so weiter. Was die Welt heute braucht, ist nicht eine Einschränkung der Freiheit, sondern wirkliche Freiheit, Befreiung von der Sünde. Erlösung.

2. Ich war in das Priesterseminar nach St. Petersburg gekommen, um am Abend dieses Fronleichnamssonntages die Diakonweihe eines der 11 Seminaristen mitfeiern zu können. Behbud Mustafayev – genannt David – wurde in der Kirche der Gottesmutter (Konkathedrale), die sich im Hof des Seminargeländes befindet, zum Diakon geweiht – das zweite Wunder, das ich miterleben durfte. David stammt aus Baku, Aserbaidzan (frühere Sowjetrepublik), ein muslimisches Land; der Vater – ein Moslem, die Mutter – orthodox getauft. Wegen seiner Berufung hatte David viel zu leiden; und so kam auch niemand aus der Verwandtschaft nach
St. Petersburg, nur zwei Damen von ‚Aeroflot‘, mit denen David damals als Zollbeamter auf dem Flughafen von Baku gearbeitet hatte, und sein Heimatpfarrer, ein slowakischer Priester, der auch Apostolischer Administrator (ohne Bischofsweihe) für Aserbaidzan ist.

Die wichtigste Person für den Berufungsweg von David war seine tiefgläubige orthodoxe Oma, die ihm viel aus einer Kinderbibel vorlas und von Jesus erzählte. Als die Oma aber dann bald nach Moskau umzog, hörte David nichts mehr von Jesus; er hatte nur noch seine Kinderbibel und die Erinnerung an Oma – aber im Herzen hatte Gott für David dadurch schon etwas Wunderbares vorbereitet. In Baku wurde er aufmerksam auf den Neubau einer katholischen Kirche, suchte den Kontakt und wurde schließlich katholisch. Als Zollbeamter hatte David ausreichend Geld und wollte einmal irgendwohin nach dem Westen reisen. Aber er hatte keine Idee und auch keine Adresse. So nahm er irgendein Flugzeug und landete in Belgien. Auf einer Busfahrt sah er auf der rechten Seite eine Christus- und Muttergottesstatue. Von unsichtbarer Hand geführt, drängte es ihn, sofort auszusteigen und dorthin zu gehen. Bei dem alten Kloster war alles verschlossen, nur eine Tür war geöffnet. Sie führte David in eine Kapelle – und dort brach er in Tränen aus. Die Oma, die Kinderbibel waren plötzlich gegenwärtig, aber vor allem wohl der Herr selber: es betete in ihm, und er spürte ganz klar und tief und fest den Anruf Gottes: du sollst mir als Priester dienen. Wie lange diese Gnadenstunde gedauert hat und wie David überhaupt wieder nach Hause kam, daran kann er sich überhaupt nicht erinnern. Er weiß nur, dass ein Mönch kam und ihn fragte, ob er ihm irgendwie helfen könnte – aber wie soll man einen Helfer brauchen, wenn der Herr selbst handelt?!
Erst viele Jahre später, als David bereits im Priesterseminar war, zeigte sich, warum er gerade in dieses Kloster Keyserberg (bei Löwen) in Belgien von unsichtbarer Hand geführt wurde: Es war genau die Kapelle, in der Bischof Boleslaw Sloskans mehr als 30 Jahre lang als St. Petersburger Exilbischof gebetet und täglich die Hl. Messe gefeiert hatte. Boleslaw Sloskans hat damals in demselben Priesterseminar-Gebäude studiert wie David heute. 1917 wurde er zum Priester geweiht, war tätig in Moskau und St. Petersburg, wurde mit 32 Jahren in Moskau 1926 geheim zum Bischof geweiht. Insgesamt hat er in 17 verschiedenen Gefängnissen und KZ-Lagern für Christus gelitten. Auf dem Archipel Solowki schrieb Bischof Sloskans einen Brief an seine Eltern, der ein wenig sein heiligmäßiges Leben und Leiden zeigt: „Meine lieben Eltern, Ihr habt sicher aus der Zeitung von meiner Verhaftung erfahren.

Nach sechs Monaten ist es mir nun gestattet, Euch zu schreiben. Erinnert Euch der Worte Unseres Herrn: ‚Fürchtet Euch nicht vor denen, die wohl den Leib, nicht aber die Seele töten können. Kauft man nicht zwei Sperlinge für fünf Pfennige? Und dennoch fällt keiner von ihnen zur Erde. Bei Euch aber sind sogar alle Haare Eures Hauptes gezählt. Fürchtet Euch also nicht!‘ Gerade diese Erfahrung mache ich jetzt; alles, was der Wille Gottes verfügt oder zulässt, geschieht nur zu unserem Heil. Während all der letzten fünfzehn Jahre habe ich nie so viel Gnaden erhalten wie in den letzten fünf Monaten im Gefängnis. Die Gefangenschaft ist das größte und großartigste Erlebnis meines Innenlebens, abgesehen von dem Schmerz, die Heilige Messe nicht feiern zu können. Liebe Eltern, betet für mich, aber ohne Angst und Trauer im Herzen. Öffnet Euer Herz für diese große Liebe. Ich bin so glücklich, dass ich jetzt bereit bin, alle Menschen zu lieben, alle ohne Ausnahme, selbst die, die keine Liebe ver-dienen. Sie sind die unglücklichsten von allen. Ich bitte Euch inständig: Lasst weder Rach-sucht noch Bitterkeit in euer Herz eindringen. Ließen wir solches zu, wären wir keine wahren Christen, sondern nur Fanatiker … Ich bin zu drei Jahren verurteil. Nochmals: Betet … .“

Gegen einen sowjetischen Spion wurde Bischof Sloskans 1933 gegen seinen ausdrücklichen Willen, weil er bei seiner Herde bleiben wollte, ausgetauscht und kam nach Lettland. Von dort nahmen ihn die deutschen Truppen, ebenfalls gegen seinen Willen, nach Deutschland mit, wo er in Eichstätt bis 1947 blieb und dann in das Kloster Keyserberg übersiedelte.

Im Jahre 1981 ist er in Belgien heimgerufen worden. Sein Leib wurde nach der Wende in die Wallfahrtskirche Aglona/Lettland überführt. Am Sonntag des Guten Hirten dieses Jahres (17. April 2016) pilgerten die Seminaristen aus St. Petersburg nach Aglona und nahmen in Rezekne an der Priesterweihe von Philipp teil, der einige Jahre bei ihnen im St. Petersburger Priesterseminar mitstudiert hatte. Nur David konnte nicht dabei sein, weil er keinen russischen Pass hat. Vielleicht sollte das ein Zeichen sein, dass David seinen Helfer und Wundertäter Bischof Sloskans weder in Keyserberg noch in Aglona zu besuchen braucht, weil er bereits im Himmel ein Heiliger ist, ohne räumliche und zeitliche Eingrenzung, und nun für David und seinen weiteren Weg ein himmlischer Fürsprecher bleiben wird.

Ein Seligsprechungsprozess ist bereits eingeleitet worden – und es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass sich in der Lebens- und Glaubensgeschichte von David ein Wunder ereignet hat.

Im Zusammenhang mit der Diakonweihe von David gab es noch eine schöne Überraschung im Priesterseminar: Davids Heimatpfarrer erzählte von seiner eigenen Priesterweihe: ‚Mit meiner Berufung war es auch nicht so ‚normal‘. Ich bekam im Kommunismus keine Erlaubnis für ein Priesterseminar, studierte Geologie und wohnte in Bratislawa. Öfter besuchte ich meine Mutter. Sie hatte die Hoffnung, dass ich vielleicht doch noch eines Tages Priester werden könnte, und wir beteten viel dafür. Als die Freiheit kam, sagte sie zu mir: Junge, nun geh doch endlich ins Priesterseminar! Aber ich habe ihr gesagt: Mama, ich bin doch schon
7 Jahre Priester. Ich bin in Berlin geheim geweiht worden. Es war Ende Januar 1983, und ich bin zu Bischof Meisner gefahren, der aber leider nicht zu Hause war, sondern in Rom, um die Kardinalswürde zu empfangen. So hat mich Weihbischof Weider geweiht. Es war seine allererste Priesterweihe überhaupt‘. – Als ich nach meiner Reise wieder zuhause war und Weihbischof Weider die Grüße überbrachte, konnte er sich noch genau an den Nachnamen des Salesianerpaters erinnern: P. Vladimir Fekete SDB. Wie klein doch die Welt ist und wie wunderbar Gottes Fügungen sind! Kardinal Meisner hat im Geheimen über 60 Kandidaten aus der Tschechoslowakei geweiht; auch andere Bischöfe aus der DDR haben einzelne Priesterweihen gespendet – das ist ein ganz großartiges Kapitel der neueren Kirchengeschichte, aber mehr noch des Gnadenwirkens Gottes in Zeiten der Verfolgung und Bedrängnis. Als damaliger Geheimsekretär des Bischofs habe ich da viel Schönes und Wunderbares sehen dürfen.

3. Ein drittes Wunder aus dem riesigen Land mit 70 Jahren staatlich verordnetem und grausam durchgeführtem Atheismus muss ich noch berichten:  Es handelt sich um die orthodoxe Mönchsinsel Walaam in dem größten See Europas, dem Ladoga-See bei St. Petersburg. Es war bis zur Oktoberrevolution 1917 die Insel der 1000 Mönche. Dann wurde alles zerstört, wurde Straflager, Flottenstützpunkt … . Nach der Wende begann der Wiederaufbau und die Neubesiedlung – das Kloster ist stark am Wachsen, fast alles junge Mönche aus allen Schichten der Bevölkerung, z.Zt. 230 Mönche, wie mir einer von ihnen erzählte. Der Staat gibt viel Geld für den Wiederaufbau (und nicht nur dort; vor nicht allzu langer Zeit wurden 300 neue Kirchen „vom Staat“ nur für die Stadt Moskau beschlossen, ebenso der Abriss eines Stalin-Palastes im Kreml, um 2 alte Klöster an alter Stelle wieder-aufzubauen und zu besiedeln …).  Die russische Regierung ist davon überzeugt: man kann ein Volk und ein Land nicht zusammenhalten mit Geld oder Wirtschaft oder Militär, sondern man braucht eine innere Einheit, eine Mitte, eine Seele, die alles zusammenhält – und das ist der christlich-orthodoxe Glaube. Die Mönche sagen immer: die Kirchen müssen sehr reich und kostbar sein – es ist das Haus Gottes, ein Abbild des Himmels, zu dem wir hin pilgern; aber wir – die Knechte Gottes – müssen ganz arm leben. Das kann man dort sehen. Aber nicht nur die alten Klöster und Einsiedeleien sind bestens wiederhergestellt, sondern es gibt auch neue, sehr schöne Kirchen und Klöster, z. B. in der Mitte der Insel, ein bisschen geheimnisumwittert. Als ich vor 9 Jahren das letzte Mal dort war, wurde mir gesagt, der Patriarch baue dort wohl ein Kloster, um sich öfter zurückziehen zu können. Aber diesmal ließ mich ein Mönch raten; ich könne selber darauf kommen, wenn ich den Namen des Klosters lese: Wladimirskij Skit. Es ist interessant, wo die Großen dieser Welt Einkehr halten!

Jeden Tag fahren 3 große Schiffe (4 Etagen, wie ein großes Hotel) in Sichtweite 12 Stunden über Nacht zu der Insel. Dann gibt es den ganzen Tag Exkursion (aber man müsste genauer ‚Katechese‘ sagen), und am Abend geht es wieder 12 Stunden zurück.
Man kommt dorthin, um mit dem „Heiligen“ in Berührung zu kommen: den heiligen Männern, Betern und Büßern, die die ganze Welt mit Leid und Schuld, Freude, Traurigkeit, Sinnlosigkeit, Hoffnung, Verzweiflung … betend und flehend zu Gott tragen, mit der Göttlichen Liturgie, mit der Reinheit und Heiligkeit von Gottes schöner Schöpfung. So ist die Insel Walaam für viele ein Zeichen der Hoffnung auf Zukunft, die allein Gott geben kann und die ER selber ist, eine Alternative zum eigenen Leben, in das man wieder zurückkehrt, aber im Wissen darum, dass es Größeres gibt als die eigene kleine, gegenwärtige und manchmal wohl auch verpfuscht erscheinende Welt. Es bleibt zurück eine Nachdenklichkeit und eine Ahnung und Faszination von der kommenden Welt, die man jetzt schon wahrnehmen konnte – und manch einer findet auch schon hier die ersten Schritte in diese zukünftige Welt, was man nicht nur an den vielen Mönchs- und Priesterberufungen im orthodoxen Rußland sehen kann.

Fronleichnam 2016 in St. Petersburg:
Christus hat am Kreuz die Welt erlöst, nicht in Seiner actio, sondern in Seiner passio. Es erscheint uns als paradox, wie der Herr in Seiner größten Erniedrigung, im Opfern Seines Leibes und Blutes aus Liebe, der Sieger über Sünde und Tod wird – Geheimnis des sterbenden Weizenkorns. Die Menschen in Rußland haben nach dem Sturz des gottlosen Kommunismus überall auf die übriggebliebenen Sockel nach der Entfernung der großen Helden-Statuen ein Kreuz gestellt – ein schönes Glaubensbekenntnis: die Schwachheit, Ohnmacht und Torheit des Kreuzes ist stärker als alle Macht der Militärs, Geheimdienste und Ideologien. Das ist die Logik Gottes. Die Welt lebt aus verborgenen Kräften, aus der Liebe des Kreuzesopfers Christi, die allein Macht über die Herzen hat und die Welt nach Seinem Willen lenkt. Wenn wir uns mit Liebe, Opfer und Gebet mit dem Kreuzesopfer Christi verbinden, dann kann auch unser Leben teilhaben an der Fruchtbarkeit des sterbenden Weizenkorns Christus und für uns und für viele zum Segen werden. Christus wird sich am Ende der Zeiten machtvoll als der Sieger erweisen. Aber bis dahin sind wir Menschen in die Auseinandersetzung mit den gott- und menschenfeindlichen Mächten gestellt wie Dostojewski sagt: Der Kampf zwischen Gott und dem Teufel tobt in der Seele des Menschen. In diesen tiefsten Tiefen fällt die Entscheidung über das geistige, aber auch das äußere Schicksal der einzelnen Menschen und Völker.

11.07.2016
Pfarrer Michael Theuerl