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Kardinal Sterzinsky zu Besuch in Rumänien

Beobachtungen in einer interessanten Diözese

Auf Einladung von Bischof Petru Gherghel besuchte Kardinal Sterzinsky vom 13. bis 18. August 2008 die Diözese Iasi an der Grenze zu Moldawien und zur Ukraine. Für mich war es eine besondere Freude, unseren Erzbischof begleiten zu dürfen, da ich seit 1981 fast jedes Jahr die Katholiken in Rumänien besucht habe, schon einige Male in der Diözese Iasi war und auch Bischof Gherghel kenne aus der Zeit der kommunistischen Diktatur, als er noch nicht Bischof sein durfte.

Rumänien ist ein sehr gläubiges Land geblieben trotz der harten Christenverfolgung in der  Ceausescu-Diktatur – 98 % der Einwohner sind Christen, die meisten orthodox. Im Jahre 1948 wurden alle katholischen Diözesen vom Staat aufgelöst und fortan als „Dekanate“ bezeichnet, alle Bischöfe – auch die in der Nuntiatur in Bukarest geheim geweihten – wurden in Schauprozessen verurteilt und kamen ins Gefängnis, wo viele zu Märtyrern wurden.

Nur Bischof Aaron Marton von Alba Iulia blieb unter Hausarrest etwas handlungsfähig. Er durfte Priesterweihen spenden. In allen anderen „Dekanaten“ wurde ein Ordinarius eingesetzt, der auch Firmungen spenden konnte ohne Bischofsweihe. Erst im Jahre 1984 erlaubten die staatlichen Behörden einen Bischof für die Hauptstadt Bukarest, Bischof Ioan Robu, den bisherigen Rektor des Priesterseminars in Iasi. Bis heute gibt es zwei Priesterseminare für Diözesanpriester im Land: in Alba Iulia für die Ungarn und die Deutschen und in Iasi für die Rumänen – die kommunistischen Behörden erlaubten, pro Jahr 30 neue Seminaristen aufzunehmen, d. h. im ersten Jahr 30 nur für Alba Iulia und im zweiten Jahr dann jeweils 15 für Alba Iulia und 15 für Iasi.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde Österreich-Ungarn zerteilt; und so kamen große Gebiete von Ungarn (ganz Siebenbürgen, das Banat u.a.) von Ungarn durch den Friedensvertrag von Trianon 1920 nach Rumänien, so dass es nun neben den Rumänen auch Ungarn, Deutsche und viele andere Volks-gruppen gab. Nach der Wende sind die meisten Deutschen in die Bundesrepublik ausgewandert; nur wenige sind geblieben, die sich aber gut organisiert haben.

Die Diözese Iasi ist eine ganz besondere Diözese; das sagen auch die anderen Bischöfe Rumäniens immer ein bisschen neidvoll; und das konnten wir auch überall spüren.

In der Diözese Iasi sind ca. 15 – 20 % der Bevölkerung katholisch.

Was die realen, konkreten Zahlen betrifft, hat das Bistum Iasi etwa genauso viel Katholiken wie unsere Diözese Berlin. So kann man alles Folgende immer ein bisschen mit Berlin vergleichen. In den Städten, so erzählte uns Bischof Gherghel, kommen etwa 55 % der Katholiken jeden Sonntag zur Hl. Messe; auf dem Land feiern etwa 80 % der Katholiken regelmäßig die Hl. Messe mit. Wenn wir mit dem Bischof im Auto durch die Diözese fuhren, dann sagte er immer: in dieser Pfarrei gibt es 300 Familien oder 1000 Familien usw.; man zählt niemals einzelne Gläubige – solch einen hohen Stellenwert hat die Familie! In der Stadt Bacau besuchten wir am Samstag die riesige Pfarrkirche, die der Pfarrer uns zeigte. Zwischen Altarraum und Bankreihen standen sechsmal zwei Stühle und davor so etwas wie ein Tischchen – ich vermutete, der Pfarrer hätte sich da irgend etwas für die Kinderkatechese in der Vorabendmesse ausgedacht; aber nein, es war die Vorbereitung für sechs Trauungen in der Vorabendmesse. Als der Kardinal etwas entgeistert dreinschaute, entschuldigte sich der Pfarrer dafür, dass diesmal nur sechs Trauungen in einer Hl. Messe seien; sie hätten auch schon einmal 18 Trauungen in einer Feier gehabt. Bischof Gherghel erklärte dann, dass diese Zahlen deshalb so hoch sind, weil viele junge Leute im Ausland arbeiten und dass deswegen im Sommerhalbjahr, wenn die Leute zum Urlaub nach Hause kommen, jeden Samstag und Sonntag so viele Trauungen und Taufen sind. Einmal sei der Bischof zufällig in der Kirche vorbeigekommen, da wurden gerade 30 Kinder getauft … Überall kann man eine große Wertschätzung von Ehe und Familie antreffen; und wenn es um diese kleinste Zelle der Gesellschaft und Kirche gut bestellt ist, dann kann daraus viel Segen erwachsen.

Der eigentliche Grund für die Einladung nach Rumänien war eine Wallfahrt am 14./15. August nach Cacica in der schönen Bukowina (deutsch: Buchenland), wo einmal viele Deutsche gelebt haben. Es ist  die Landschaft, in der die orthodoxen, ehrwürdigen Moldauklöster stehen, auch von außen bemalt mit wunderschönen Fresken und von der UNESCO zum Weltkulturerbe gezählt. Nach Cacica kamen vor etwa 200 Jahren polnische Bergleute, die in Wieliczka bei Krakau unter Tage Salz abgebaut hatten. Sie brachten aus ihrer Heimat die Ikone der Schwarzen Madonna von Tschenstochau – das heutige Wallfahrtsbild – mit und begannen nun auch in Cacica unter Tage mit dem Salzabbau und Salzhandel.

Etwa 15.000 Gläubige aus der ganzen Diözese versammelten sich am Abend des 14.08. in Cacica zur Diözesanwallfahrt; viele waren zu Fuß mehrere Tage lang zur Muttergottes gepilgert.
Die eindrucksvolle Lichterprozession, das Rosenkranzgebet, die bewegenden Gesänge und Gebete, die tiefe Innerlichkeit und Frömmigkeit der vielen einfachen Leute – das alles hat mich an Fatima erinnert. Für mich war sehr erstaunlich, dass alle Altersgruppen bei der Muttergottes vereint waren, von vielen ganz Alten, die kaum noch gehen konnten, über unzählige Familien mit auch kleinen Kindern, bis zu vielen Schülern und Jugendlichen – das ganze Leben in großer Einmütigkeit – alles wurde von allen gesungen und gebetet; man brauchte keine speziellen Lieder oder Texte für bestimmte Altersstufen. Die ganze Nacht blieben die Leute auf dem Platz, hatten sich etwas zum Essen mitgebracht, ruhten sich ein wenig aus und nutzten die vielen Möglichkeiten zur Hl. Beichte. Am 15.08. am Fest der Himmelfahrt der Gottesmutter wurde am Morgen noch eine ungarische und eine deutsche Hl. Messe gefeiert, um 11 Uhr dann der große Wallfahrtsgottesdienst mit der Festpredigt unseres Kardinals.

Es war ein großartiges Glaubenserlebnis.

Wohl zu allen Zeiten war es den Gläubigen wichtig, ein würdiges Gotteshaus zu haben, die Kirche heilig zu halten. So wurden in der Diözese Iasi sogar in der Zeit der Diktatur trotz bitterer Armut, trotz Verfolgung, trotz Wirtschaftsmisere und Baustoffmangel 25 Kirchen ganz neu gebaut; dazu wurden weitere 15 Kirchen umgestaltet, vergrößert, fast ganz neu gebaut. Nach dem Ende des Kommunismus wurden noch einmal 70 Kirchen in der Diözese gebaut. So war es für unseren Kardinal eine besondere Freude, in der kurzen Zeit des Besuches zwei neue Kirchen konsekrieren zu dürfen. Am Abend des 15. August feierten wir den Festgottesdienst in der nach der Wende neu erbauten Kathedrale in Iasi. Die Idee für diese lichtdurchflutete, farbenfrohe Rundkirche, so erzählte uns Bischof Gherghel, kam ihm bei einem Besuch in der Berliner St. Hedwigskathedrale. Allerdings hätten die 550 Sitzplätze des Berliner Vorbildes für Iasi nicht ausgereicht; deshalb wurde eine Rundkirche mit 1600 Sitzplätzen mit Kniebänken gebaut.

„Priestermangel“ ist in der Diözese Iasi ein Fremdwort. Bischof Gherghel besuchte mit uns sein Priesterseminar, in dem sich zur Zeit 130 Seminaristen auf die Priesterweihe vorbereiten. Beim Besuch im Kleinen Seminar (Vorseminar) in der Stadt Bacau erfuhren wir, dass dort 100 junge Leute auf den Eintritt ins Priesterseminar warten. Ich erinnere mich an einen früheren Besuch im Priesterseminar Iasi. Am Tag der Aufnahmeprüfung feierten wir anwesenden Priester mit dem Bischof die Hl. Messe. Weit über 100 Bewerber für den Eintritt in das Seminar waren gekommen. Es war eine bedrückende Atmosphäre, denn allen war klar, dass man beim besten Willen höchstens 30 Kandidaten in das Seminar aufnehmen konnte und dreiviertel aller Bewerber nach Hause schicken musste – kein Platz und auch kein Bedarf! Man kann sich vorstellen, wie traurig und bitter dieser Tag für so viele endete – auch für den Bischof.

Als ich damals nach einigen Jahren Bischof Gherghel wieder traf und nach den Berufungen fragte, sagte er, dass sich die Lage ein wenig entspannt hätte, aber nicht – wie ich vermutet hatte -, weil nun der „westliche Geist“ Einzug gehalten hätte, sondern weil die Franziskaner und die Kapuziner in der Diözese noch 2 große Priesterseminare und Vorseminare eingerichtet hätten, außerdem noch einige kleinere Orden und Gemeinschaften.

Irgendwie kam das Gespräch im Priesterseminar zwischen den Bischöfen dann auch auf die Bedeutung einer Theologischen Fakultät an Staatlichen Universitäten. Kardinal Sterzinsky berichtete von den Erfahrungen in Erfurt. Bischof Gherghel sprach auch von Gesprächen mit staatlichen Stellen über die Erhebung des Priesterseminars in den Status einer Theologischen Fakultät an der Universität Iasi, aber er verstand darunter etwas anderes. Er vermochte sich nicht vorzustellen, dass ein Bischof als Lehrer der Diözese und Inhaber des Lehramtes darauf verzichtet, selbst die Professoren zu ernennen und sich nur mit dem Almosen eines Vetorechtes abspeisen lässt – konkret: alles bleibt, wo und wie es ist, der Bischof ernennt weiter die Professoren und bestimmt die Studien; der Staat bezahlt – das ist neu, wenn alles Fakultät wird. Diese Neuigkeiten waren für deutsche Ohren etwas Ungewohntes, aber Bischof Gherghel sagte dann wieder seinen Spruch, den man in den Tagen des Besuches oft hören konnte: Eminenz, bei uns ist alles ein bisschen anders; wir sind ganz einfache Leute – auch im Kopf!

Zur Zeit arbeiten ca. 150 Priester aus der Diözese Iasi in anderen Diözesen und anderen Ländern, 60 davon sind in Iasi ausgebildet und geweiht worden; die übrigen stammen aus der Diözese Iasi, sind aber schon in anderen Ländern oder Orden ausgebildet und geweiht worden, weil das Priester-seminar Iasi sie nicht aufnehmen konnte.

Die Diözese Iasi ist nicht nur reich gesegnet mit vielen guten glaubensstarken Familien und Priester- und Ordensberufungen, sondern auch mit über 40 verschiedenen Ordensgemeinschaften von Schwestern. Während der Zeit der Diktatur hatte Ordinarius Gherghel sogar eine eigene Schwesterngemeinschaft gegründet, die geheim war. Es war mir aufgefallen, dass im Weinberg der Diözese, wo der Messwein hergestellt wird, ein großes Anwesen mit mehreren Häusern und einer Kapelle existierte, wo nur junge Mädchen arbeiteten, ebenso in anderen Einrichtungen (Haushalt usw.). Als ich Ordinarius Gherghel, der mir damals alles zeigte, fragte, ob es sich um „geheime“ Ordensschwestern handeln würde, bestätigte er mir dies, er sei auch die „Generaloberin“. Diese Schwestern leben heute offiziell in fast allen Pfarreien der Diözese in kleinen geistlichen Gemeinschaften.
Sie haben keine pastoralen Aufgaben, sondern sie widmen sich neben dem Gebet und dem geistlichen Leben dem Haushalt des Pfarrers, der Pflege von Kirche, Garten und Pfarrhaus und der Betreuung von Gästen. Bischof Gherghel wünscht, dass die Pfarrhäuser und Pfarrer gastfreundlich sind und dass die Priester frei sind für seelsorgliche Aufgaben.
Bei den vielen so großartigen Eindrücken auf der Reise hat mich ganz besonders die Einfachheit und Gastfreundschaft des Bischofs beeindruckt.

Unser Kardinal wollte einmal wissen, warum immer so viel Essen gebracht werde. Bischof Gherghel meinte dann, dass man nie wissen kann, wie viele Leute zum Essen kommen; jeder Priester wüsste, wann es beim Bischof Mittag gibt und wann Abendessen – und jeder Priester kann unangemeldet zum Essen kommen. So kamen z. B. am Abend des 15.08. 36 Priester zum Tisch des Bischofs; und das Abendessen dauerte 2 ½ Stunden. Alles war ganz einfach, ungezwungen, der Bischof ging einmal hierhin, einmal dorthin und redete mit den Priestern. Ich verstehe ja nicht rumänisch, aber ich habe mich die ganze Zeit sehr gefreut und gedacht: ist das schön! Einen Monat später besuchte mich ein Priester von Iasi, und ich sagte ihm, dass ich das sehr schön finde, dass die Priester zum Bischof zum Mittag und zum Abendessen kommen können, und er antwortete mir: ja, einige kommen auch schon zum Frühstück! Wo solch ein unmittelbarer ständiger Kontakt des Bischofs mit den Priestern da ist, braucht man wahrscheinlich nicht viele Sitzungen, Organisa-tionen, Strukturen. Vor einigen Jahren hatte ich Bischof Gherghel einmal gefragt, wie viele Leute in seinem Ordinariat arbeiten würden; wenn ich mich recht entsinne, sagte er: mit Putzfrau und Bischof 7 Leute.

Diese herzliche Gastfreundschaft konnten wir überall erleben: nach der Firmung von 200 Firm-bewerbern, bei der Begrüßung vor den Kirchen, bei den Empfängen des „Deutschen Forum“, nach den beiden Kirchweihen, nach allen Feiern – immer dieses mitbrüderliche Zusammensein mit Bischof und Priestern und den Gläubigen. Ein Priester erzählte mir, dass es so etwas wie ein Gesetz gibt: wenn ein Priester durch eine andere Stadt fährt und nicht seinen Mitbruder besucht, ist einer von beiden ein Bandit. Sehr schön fand ich, dass Bischof Gherghel immer auch an die alten Mitbrüder denkt; auf seinen vielen Fahrten in die Gemeinden lädt er immer einen älteren Mitbruder ein, ihn zu begleiten, so wie wir das auch bei unserer Reise erleben konnten. In seiner unkomplizierten Art fuhr uns dann am letzten Tag Bischof Gherghel selbst mit seinem Auto zum Flughafen und verabschiedete uns. Am Tag der Abreise fragte ich noch einmal Bischof Gherghel, ob alle Zahlen und Fakten, die ich mir während dieser Reise immer sofort notiert hatte, stimmen würden, da man sich manchmal in einer anderen Welt oder wie im Traum vorkam, und er bestätigte. Diese Tage in Rumänien waren ein ganz großes Geschenk, eine bedeutsame Glaubensstärkung, eine tiefe Freude. Und man konnte sehen, dass manchmal ein armes Land auch sehr reich sein kann und ein reiches Land sehr arm.

Michael Theuerl, Pfr.